Das Leben ist (k)ein Marathonlauf!
„Das Leben ist ein Marathon“ war ein Bild, das der Geschäftsführer immer wieder verwendete. Er meinte damit, dass er und auch seine Mitarbeiter immer bereit sein sollten zu maximalem Einsatz. Pausen gönnte er sich so gut wie nie und auch mittags arbeitete er durch. Und Ende des Jahres legte er seinem Vorstand jeweils hunderte von Überstunden vor, die er im Laufe des Jahres angehäuft hat.
Er rauchte zwar nicht und trank auch kaum Alkohol, war ein auf den ersten Blick relativ fitter Mensch. Trotzdem hat er diese gelebte Arbeitshaltung teuer bezahlt. Zum Beispiel damit, dass er schon in relativ jungen Jahren einen Herzschrittmacher eingesetzt bekommen hat. Oder dass die Personalfluktuation in seinem Betrieb weit überdurchschnittlich hoch war, vor allem bei den Führungskräften. Und dann auch, dass er mehr und mehr mit starken psychosomatischen Beschwerden zu tun hatte, die ihn immer mal wieder, wie es so schön heißt, „aus dem Verkehr gezogen“ hatten.
Der Mann, den ich hier beschrieben habe, ist bei weitem kein Einzelfall. Immer wieder begegnen mir Menschen, die sich auf diese oder ähnliche Weise überfordern. Und wie bei einem Pfeilbogen, dessen Sehne irgendwann erschlafft, wenn sie dauernd angespannt ist, so erschlaffen auch diese Leute oft mit einem dramatischen Energieverlust in relativ kurzer Zeit. Das Feuer erlischt und der Weg bis zur Diagnose „Burnout“ ist häufig wirklich nur noch ein sehr kurzer.
Ich bin selbst ein ehemaliger Langstreckenläufer und habe in jüngeren Jahren auch einige Marathons gelaufen. Auch im sonstigen Leben halte ich durchaus viel von Ausdauer und Durchhaltevermögen. Trotzdem behaupte ich, dass das Bild vom Leben als einem Marathonlauf ausgesprochen ungeeignet, ja geradezu fatal ist. Viele verbinden damit die Vorstellung, sie könnten pausenlos mit hohem Tempo Spitzenleistungen erbringen. Dies ist ein gigantischer Selbstbetrug und ein gefährlicher noch dazu. Außerdem blenden die meisten Menschen, die das Bild vom Leben als einem Marathonlauf verwenden, verschiedene wichtige Fakten einfach aus.
Da ist einmal das Training des Marathonläufers. Ein Spitzenläufer läuft 150 bis 200 Kilometer in der Woche, in der unmittelbaren Vorbereitung auch schon mal etwas mehr. Das sind für den Hobbyjogger geradezu irrwitzige Zahlen. Aber im Vergleich zu anderen Sportarten wie Turnen oder Schwimmen ist der Trainingsaufwand sogar relativ gering. Während die einen häufig sechs und mehr Stunden am Tag trainieren kommt der Marathonläufer im Durchschnitt auf höchstens 2 bis 2 ½ Stunden. Außerdem läuft ein Spitzenmarathonläufer höchstens ein bis zwei Marathons im Jahr. In seltenen Fällen noch einen dritten, der aber meistens ein deutlich geringeres Leistungsniveau als die anderen beiden hat.
Es gibt also einen großen Unterschied zwischen dem Bild des Marathonläufers als Symbol für das Leben im Allgemeinen und das Berufsleben im Speziellen und der Realität eines wirklichen Marathonläufers. Mit dem Bild des Marathonläufers ist die Vorstellung eines auf Hochleistung getrimmten Menschen verbunden, der ohne Pause bis zum Ende durchläuft. Der Wettkampf ist aber nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben eines Marathonläufers. Die ganze Realität sieht hingegen so aus, dass er zwar hart trainiert, aber sehr konsequent auch auf seine Erholung achtet, um genau dann gut zu sein, wenn es darauf ankommt. Dies gilt im Übrigen auch für alle anderen internationalen Topathleten.
Auch ist sein Training im Jahresverlauf nicht gleichförmig, sondern ebenfalls durch eine Abwechslung von Phasen mit hohen und Phasen mit geringerer Belastung gekennzeichnet. Mit anderen Worten: im Gegensatz zum vorhin beschriebenen Geschäftsführer zeichnet sich ein Spitzenmarathonläufer auch dadurch aus, dass er ganz konsequent Erholungszeiten in seinen Tages-, Wochen-, Monats- und auch Jahresablauf einplant!! Diese Erholungszeiten nennt man „Kompensation“ und er weiß, dass er seine Leistungsfähigkeit nur so weiterentwickeln kann. Tut er es nicht, dann verbraucht er im Training seine Substanz anstatt neue aufzubauen.
Auch über den Marathonlauf hinaus wird sowohl in der Sportwissenschaft wie auch in der Praxis des Spitzensports immer mehr erkannt, welch hohe Bedeutung die Erholung für die Leistungsentwicklung eines Topathleten hat. Ja, man geht heute sogar soweit, dass der Erholungsfähigkeit eines Sportlers mit die höchste Vorhersagekraft für den zukünftigen Erfolg zugesprochen wird.
Sehen Sie irgendeinen Grund, warum das in anderen Spitzenleistungsbereichen anders sein sollte? Ich nicht. Auch ein Unternehmer, eine Führungskraft oder ein Vertriebsexperte muss mit seiner Energie haushalten. Sonst bleibt er irgendwann genauso am Straßenrand liegen wie sein Auto, wenn er es nicht regelmäßig warten und auftanken lässt.
Auszug aus dem Hörbuch „Mit Stress zur Spitzenleistung“ (Markus Frey)

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